Wirtschaftliche Folgen von Muskel-Skelett-Erkrankungen
MSE als führende Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland
Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) sind seit Jahren die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit (AU) in Deutschland. Nach den jährlichen Gesundheitsreports der großen Krankenkassen – darunter BKK, DAK-Gesundheit und Techniker Krankenkasse – entfallen konstant rund 20–25 % aller Arbeitsunfähigkeitstage auf MSE. Damit übertreffen sie sowohl Atemwegserkrankungen als auch psychische Erkrankungen als Einzeldiagnosegruppe.
Zu den MSE zählen unter anderem Rückenschmerzen (insbesondere im Bereich der Lendenwirbesäule), Nackenschmerzen, Schulterbeschwerden, Sehnenscheidenentzündungen sowie degenerative Gelenkerkrankungen. Besonders Rückenschmerzen sind dabei von überragender epidemiologischer Bedeutung: Sie betreffen im Laufe des Lebens nahezu jeden Erwachsenen und gehören zu den häufigsten Gründen für Arztbesuche.
Direkte und indirekte Kosten
Die wirtschaftlichen Folgen von MSE lassen sich in direkte und indirekte Kosten unterteilen:
- Direkte Kosten: Hierzu zählen die Aufwendungen für medizinische Behandlung (Arztbesuche, Physiotherapie, Medikamente, Rehabilitationsmaßnahmen) sowie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die in Deutschland für die ersten sechs Wochen durch den Arbeitgeber getragen wird.
- Indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage): Jeder AU-Tag bedeutet einen Produktivitätsverlust für das Unternehmen. Bei MSE-bedingten Ausfällen sind die durchschnittlichen Fehlzeiten pro Fall häufig überdurchschnittlich lang, da chronische Verläufe keine Seltenheit sind.
- Präsentismus: Beschäftigte mit muskuloskelettalen Beschwerden erscheinen häufig trotz Schmerzen am Arbeitsplatz (Präsentismus). Studien zeigen, dass die Produktivitätseinbußen durch Präsentismus die Kosten durch Absentismus sogar übersteigen können, da die Arbeitsqualität und -geschwindigkeit sinken, Fehler zunehmen und die Chronifizierungsgefahr steigt.
- Langzeitfolgen: Unbehandelte oder chronifizierte MSE können zu Erwerbsminderungsrenten führen. MSE gehören zu den häufigsten Gründen für Frühverrentung in Deutschland.
Die besondere Belastung durch Bildschirmarbeit
Während MSE traditionell vor allem mit körperlich schwerer Arbeit assoziiert wurden, zeigt die aktuelle Forschung eindeutig, dass auch Bildschirm- und Büroarbeit ein erhebliches Risiko darstellt. Internationale Forschungsanalysen bestätigen, dass arbeitsbezogene ergonomische Belastungen – insbesondere bei Büro- und Bildschirmarbeit – signifikant zur globalen Krankheitslast durch Rückenschmerzen beitragen.
Quelle: Internationale Forschungsanalyse zu arbeitsbezogenen ergonomischen Belastungen und Rückenschmerzen. scholarhub.ui.ac.id
Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit im Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics (Sage Journals) zeigt, dass andauernde statische Sitzphasen die mechanische Belastung der Lendenwirbesäule signifikant erhöhen. Die intradiscäre Druckbelastung steigt im Sitzen gegenüber dem Stehen erheblich an, und ohne regelmäßige Positionswechsel kommt es zu einer progressiven Ermüdung der stabilisierenden Rumpfmuskulatur.
Quelle: Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics / Sage Journals (2025). sagepub.com
Besonders eindrücklich sind die Prävalenzdaten einer 2025 in Scientific Reports (Nature) publizierten Studie: Über 80 % der untersuchten Bürobeschäftigten berichteten über muskuloskelettale Beschwerden. Ergonomische Defizite am Arbeitsplatz korrelierten dabei signifikant mit der Beschwerdehäufigkeit.
Quelle: Scientific Reports / Nature (2025). nature.com
Wirtschaftliche Relevanz für Arbeitgeber
Die ökonomischen Auswirkungen von MSE betreffen Unternehmen jeder Größe – vom Mittelstand bis zum Konzern:
- Mittelständische Unternehmen sind häufig besonders betroffen, da der Ausfall einzelner Fachkräfte schwerer zu kompensieren ist und die Vertretungsstrukturen weniger ausgebaut sind. Jeder AU-Tag schlägt verhältnismäßig stärker zu Buche.
- Großunternehmen und Konzerne verzeichnen durch die hohe Gesamtzahl an Beschäftigten absolut betrachtet erhebliche Fehlzeitenvolumina. Bei mehreren Tausend Bildschirmarbeitsplätzen summieren sich selbst geringe AU-Raten zu beträchtlichen Produktivitätsverlusten.
- Fachkräftemangel: In einem angespannten Arbeitsmarkt gewinnt die Gesunderhaltung vorhandener Beschäftigter zusätzlich an Bedeutung. MSE-bedingte Langzeitausfälle oder Fluktuation verschärfen bestehende Personalengpässe.
- Arbeitgeberattraktivität: Ein strukturiertes betriebliches Gesundheitsmanagement, das ergonomische Arbeitsplatzgestaltung einschließt, wird zunehmend als Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte wahrgenommen.
Warum Prävention wirtschaftlich rational ist
Die Investition in präventive Maßnahmen zur Vermeidung von MSE ist aus betriebswirtschaftlicher Perspektive rational begründet. Die wesentlichen Argumente:
- Reduktion von Fehlzeiten: Ergonomische Interventionen am Arbeitsplatz können nachweislich die MSE-bedingten AU-Tage reduzieren. Bereits moderate Verbesserungen der Arbeitsplatzergonomie zeigen messbare Effekte.
- Verringerung von Präsentismus: Wenn Beschäftigte schmerzfrei und beschwerdearm arbeiten können, steigen Konzentration, Arbeitsqualität und Leistungsfähigkeit.
- Vermeidung von Chronifizierung: Frühzeitige Intervention bei ersten Beschwerden kann verhindern, dass akute Zustände chronisch werden – mit den damit verbundenen deutlich höheren Folgekosten.
- Skalierbarkeit: Insbesondere digitale und softwaregestützte Präventionsansätze lassen sich flächendeckend und kosteneffizient über viele Arbeitsplätze hinweg einsetzen, ohne dass für jede Einzelmaßnahme externer Beratungsaufwand entsteht.
- Rechtlicher Rahmen: Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) und die Arbeitstättenverordnung (ArbStättV) verpflichten Arbeitgeber ohnehin zur ergonomischen Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen. Präventionsmaßnahmen helfen somit auch bei der Erfüllung gesetzlicher Pflichten.
Die Rolle digitaler Werkzeuge im betrieblichen Gesundheitsmanagement
Traditionelle Ansätze der betrieblichen Gesundheitsförderung – wie Ergonomieberatungen, Rückenschulkurse oder Gesundheitstage – haben ihren Stellenwert, stoßen aber in der Praxis häufig an Grenzen: begrenzte Reichweite, einmalige Impulse ohne nachhaltige Wirkung und hoher organisatorischer Aufwand.
Digitale Lösungen können diese Lücke adressieren. Softwarebasierte Werkzeuge, die direkt am Bildschirmarbeitsplatz ansetzen, bieten mehrere Vorteile:
- Kontinuierliche Unterstützung: Anders als punktuelle Maßnahmen können digitale Tools täglich und in Echtzeit auf ergonomisch ungünstige Arbeitsmuster hinweisen.
- Skalierbarkeit: Eine Softwarelösung kann unternehmensweit an allen Bildschirmarbeitsplätzen eingesetzt werden, unabhängig vom Standort.
- Datenschutzkonformer Einsatz: Moderne Lösungen, die lokal auf dem Endgerät arbeiten und keine personenbezogenen Daten übertragen, lassen sich auch unter strengen Datenschutzanforderungen implementieren.
- Messbare Ergebnisse: Aggregierte, anonymisierte Nutzungsdaten ermöglichen es Unternehmen, die Wirksamkeit ergonomischer Maßnahmen zu evaluieren und das BGM evidenzbasiert weiterzuentwickeln.
Die Kombination aus struktureller Arbeitsplatzergonomie, verhaltensbezogener Prävention und digitaler Unterstützung bildet die Grundlage für ein wirksames und wirtschaftlich sinnvolles Management muskuloskelettaler Risiken im betrieblichen Kontext.
Quellenübersicht
- Internationale Forschungsanalyse: Arbeitsbezogene ergonomische Belastungen und globale Krankheitslast durch Rückenschmerzen. scholarhub.ui.ac.id
- Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics / Sage Journals (2025): Mechanische Belastung der Lendenwirbesäule bei statischem Sitzen. sagepub.com
- Scientific Reports / Nature (2025): Prävalenz muskuloskelettaler Beschwerden bei Büroarbeitenden. nature.com
- Gesundheitsreports der gesetzlichen Krankenkassen (BKK, DAK-Gesundheit, Techniker Krankenkasse): Jährliche Auswertungen zu AU-Tagen und Diagnosegruppen in Deutschland.