BGM

Prävention vs. Reaktion im betrieblichen Gesundheitsmanagement

Ausgangslage: Muskuloskelettale Beschwerden als Massenphänomen

Muskuloskelettale Erkrankungen (MSE) zählen seit Jahren zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Insbesondere Büroarbeitsplätze sind betroffen: Langes Sitzen, monotone Haltungen und fehlende ergonomische Standards führen zu chronischen Beschwerden im Rücken-, Nacken- und Schulterbereich. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktivitätsverluste und Behandlungsausgaben sind erheblich.

Aktuelle Studien unterstreichen das Ausmaß des Problems:

Status quo: BGM in deutschen Unternehmen

Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) hat in Deutschland durch das Präventionsgesetz (PrävG, 2015) sowie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) nach §§ 20 und 20b SGB V einen gesetzlichen Rahmen erhalten. Krankenkassen sind verpflichtet, Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung zu unterstützen, und Unternehmen können steuerfreie Zuschüsse für Gesundheitsmaßnahmen gewähren.

Trotz dieses Rahmens setzen viele Unternehmen – insbesondere kleine und mittlere Betriebe – BGM-Maßnahmen erst dann ein, wenn bereits ein messbares Problem vorliegt: steigende Fehlzeiten, hohe Fluktuationsraten oder konkrete Beschwerden von Beschäftigten. Dieser reaktive Ansatz ist verbreitet, hat jedoch systemische Grenzen.

Der reaktive Ansatz: Handeln nach Beschwerdebeginn

Reaktives BGM bedeutet, dass Maßnahmen erst dann ergriffen werden, wenn Beschwerden, Krankmeldungen oder Leistungseinbußen bereits eingetreten sind. Typische reaktive Instrumente sind:

  • Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) nach längerer Krankheit
  • Einzelfallbezogene ergonomische Arbeitsplatzanpassungen
  • Physiotherapeutische Angebote nach Diagnosestellung
  • Punktuelle Rückenschulkurse als Reaktion auf Abteilungsbeschwerden

Diese Maßnahmen sind im Einzelfall sinnvoll und notwendig. Ihre Limitierung besteht jedoch darin, dass sie erst nach Eintreten des Schadens greifen. Chronische Beschwerden, die sich über Monate oder Jahre entwickelt haben, sind schwieriger und kostenintensiver zu behandeln als frühzeitig erkannte Fehlbelastungen. Zudem entstehen durch Arbeitsunfähigkeit bereits vor der Intervention erhebliche direkte und indirekte Kosten.

Der präventive Ansatz: Risikofaktoren frühzeitig adressieren

Präventives BGM zielt darauf ab, gesundheitliche Risiken zu identifizieren und zu reduzieren, bevor Beschwerden entstehen. Die wissenschaftliche Evidenz spricht deutlich für diesen Ansatz:

  • Die oben genannten Studien zeigen, dass die Prävalenz muskuloskelettaler Beschwerden bei Bürotätigkeiten extrem hoch ist (80–90 %). Das bedeutet: Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein systemisches Risiko, das systematische Maßnahmen erfordert.
  • Langes Sitzen und fehlende ergonomische Standards – insbesondere im Homeoffice – sind als zentrale Risikofaktoren identifiziert. Diese lassen sich durch frühzeitige Intervention adressieren.
  • Die Global-Burden-of-Disease-Analysen belegen, dass arbeitsbedingte ergonomische Belastungen einen messbaren Anteil an der weltweiten Krankheitslast haben. Frühe Gegenmaßnahmen können diesen Beitrag reduzieren.

Präventive Maßnahmen umfassen unter anderem systematische Gefährdungsbeurteilungen nach ArbSch§ 5, ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, regelmäßige Bewegungspausen und die Integration digitaler Hilfsmittel zur Haltungsförderung.

Die Rolle digitaler Werkzeuge im präventiven BGM

Klassische BGM-Maßnahmen wie Gesundheitstage, Workshops oder einmalige Ergonomieberatungen haben einen begrenzten zeitlichen Wirkungsradius. Sie sensibilisieren zwar, schaffen aber selten dauerhafte Verhaltensänderungen im Arbeitsalltag.

Digitale Werkzeuge können hier eine ergänzende Rolle spielen, indem sie:

  • Kontinuierlich statt punktuell wirken: Statt einer einmaligen Schulung begleiten sie Beschäftigte im täglichen Arbeitsablauf.
  • Skalierbar sind: Sie können unabhängig von Standort und Teamgröße eingesetzt werden – auch im Homeoffice.
  • Niedrigschwellig agieren: Sie erfordern keine Terminvereinbarungen oder externe Dienstleister und können direkt am Arbeitsplatz genutzt werden.
  • Datenbasierte Einblicke liefern: Aggregierte, anonymisierte Nutzungsdaten können HR- und Arbeitsschutzabteilungen dabei unterstützen, den Bedarf an Maßnahmen besser einzuschätzen.

Entscheidend ist dabei, dass digitale Werkzeuge den Datenschutz der Beschäftigten wahren und keine individuellen Verhaltensprofile erstellen. Der Mehrwert liegt in der kontinuierlichen, freiwilligen Unterstützung – nicht in der Überwachung.

Evidenz: Das Ausmaß des Problems

Die zitierten Studienergebnisse verdeutlichen, dass muskuloskelettale Beschwerden am Bildschirmarbeitsplatz kein Randphänomen sind, sondern die Mehrheit der Beschäftigten betreffen. Wenn über 80 % einer Belegschaft Beschwerden berichten, handelt es sich um ein strukturelles Problem, das strukturelle Lösungen erfordert.

Die DGUV-Studie (2025) zeigt zudem, dass die Verlagerung von Bildschirmarbeit ins Homeoffice die Problematik verschärft hat: Fehlende ergonomische Ausstattung, mangelnde Trennung von Arbeits- und Privatbereich und fehlende betriebliche Kontrolle der Arbeitsbedingungen führen zu einer Zunahme von Beschwerden. Auch hier setzt ein präventiver Ansatz früher und wirkungsvoller an als nachträgliche Maßnahmen.

Implikationen für HR und Arbeitsschutz

Für Personalverantwortliche und Fachkräfte für Arbeitssicherheit ergeben sich aus der Studienlage mehrere Handlungsfelder:

  • Gefährdungsbeurteilung aktualisieren: Die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG muss auch psychische Belastungen und ergonomische Risiken bei Bildschirmarbeit umfassen – einschließlich mobiler Arbeitsplätze und Homeoffice.
  • Präventionsbudgets strategisch einsetzen: Die GKV-förderfähigen Maßnahmen nach § 20b SGB V sollten auf nachhaltige, skalierbare Maßnahmen gelenkt werden, nicht nur auf Einzelevents.
  • Homeoffice-Ergonomie systematisch adressieren: Die DGUV-Ergebnisse zeigen, dass fehlende Standards im Homeoffice ein messbares Gesundheitsrisiko darstellen. Arbeitgeber haben hier eine Mitwirkungspflicht.
  • Kennzahlen erheben: Ohne valide Daten zu Fehlzeiten, Beschwerdehäufigkeiten und Maßnahmenwirksamkeit bleibt BGM ein bloßes Lippenbekenntnis. Regelmäßiges Monitoring ist essenziell.

Fazit: Prävention als nachhaltigere Strategie

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Muskuloskelettale Beschwerden bei Bildschirmarbeit sind weit verbreitet, durch bekannte Risikofaktoren bedingt und durch frühzeitige Maßnahmen adressierbar. Ein rein reaktiver Ansatz – Handeln erst nach Beschwerdebeginn – ist teurer, weniger wirksam und führt zu unnötigem Leid bei Beschäftigten.

Präventives BGM hingegen setzt an den Ursachen an, nutzt die Erkenntnisse aktueller Forschung und integriert moderne, skalierbare Werkzeuge in den Arbeitsalltag. Für Unternehmen, die langfristig gesunde, leistungsfähige Belegschaften erhalten wollen, führt an einem systematischen, evidenzbasierten Präventionsansatz kein Weg vorbei.

Quellenübersicht